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14.02.2009 Von: Badische Zeitung

Erinnerungen an die gute alte Postkutschenzeit


Müllheim: 1746 erwarb der Posthalter Friedrich Heidenreich die Genehmigung zum Betrieb des Gasthauses "Die Post" in Müllheim, dem Johann Peter Hebel 1807 mit dem Gedicht "Der Schwarzwälder im Breisgau" ein poetisches Denkmal gesetzt hat. 1745 hatte Heidenreich die Baugenehmigung für ein neues Thurn und Taxissches Posthaus erhalten, das er aus Steinen von den nahen Ruinen des Klostergebäudes errichtete. Der Postwirt war ein Gastronom, dessen Keller und Küche weithin gerühmt wurden. Aus dem Jahr 1776 ist überliefert, dass der Posthalter Heidenreich 14 Postpferde vorhalten musste. Er beschwerte sich darüber mit dem Hinweis, dass nur zur Zeit der Frankfurter Messe oder wenn einmal eine hochgestellte Herrschaft  zu befördern war, eine größere Anzahl Pferde benötigt werde. Zwei Jahre später übernahm sein Sohn Georg Friedrich Heidenreich die Posthalterei. Er musste sich mit den Beschwernissen auseinandersetzen, die die Französische Revolution von 1789 mit sich brachte. Kaiserliche Truppen und französische Emigranten in großer Zahl setzten dem Gasthaus, das 1795 Louis VI. Henri Joseph de Bourbon, Prince de Condé, als Hauptquatier diente, schwer zu. Heidenreich hatte für die Konterrevolutionäre keinen Sinn und bat die Regierung un Einstellung der Wirtschaft. Seinem Wunsch wurde aber nicht stattgegeben, weil sonst das "emigrierte Personal" in andere, schon belegte Gasthäuser hätte umgeleitet werden müssen. Überliefert ist die Beschwerde eines Schweizer Ofiziers 18047 über einen Postknecht, der ihm wiederholt ein "verdorbenes Pferd" gegeben habe. So sei er, statt ein bis zwei Stunden, ganze vier Stunden bis zur nächsten Poststation unterwegs gewesen. Daraufhim erteilte das Oberpostamt Heidenreich im Mai 1805 eine "ernstliche Verwarnung" und hielt ihn zu einem "höflichen, postordnugsgemäßen Betrag" gegen Reisende an. Die Postkutschenzeit brachte dem Haus aber auch zufriedene Gäste. Markgraf Karl Friedrich , Goethe auf seiner zweiten italienischen Reise und August Heinrich Hoffmann von Fallersleben sollen hier Station gemacht haben. Vor allem aber hielt Johann Peter Hebel oft Einkehr: Er war seit 1791 Lehrer am Karlsruher Gymnasium und benötigte mit der Postkutsche von der Residenz bis ins Wiesental 30 Stunden. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts ging es schneller: Mit vier und sechsspännigen Eilwagen konnte man die Strecke in weniger als zwölf Stunden zurücklegen.

Mit dem Aufkommen der Eisenbahn hatte es ein Ende mit der Beschulichkeit des Postkutschenzeitalters. Der Schriftsteller Gustav Schwab beschreibt 1846 die Situation in Müllheim: "Schade, dass der Reisende, der in der Post...anlangt, um Hebels Markgräfler Wein zu trinkenm nur das unfruchtbare Postamtzeichen anstatt des Wirtsschildes an das Posthorn angeheftet findet und dass ihm die Pforte jetzt mit dem Donnerwort aufgetan wird: Mer wirtet nümme!"
Nach Heidenreich wurde Johann Christian Engler aus Buggingen Posthalter in Müllheim. Er schloss die Wirtschaft im Jahr 1818 und eröffnete die wieder 1834. Nach seinem Tode wurde das Lokal durch seinen Schwager und Besitznachfolger Jakob Friedrich Wechsler, ein Nachkomme, stellte 1928 auch im Blick auf den aufkommenden Automobilverkehr einen Konzessionsantrag. Er erhielt die Konzession, doch wurde sie ihm wieder entzogen, weil er die Frist zur Eröffnung nicht einhalten konnte. 1955 wurde der gesamtge Gebäudekomplex der Alten Post, in der 1948 der Müllheimer Hebelbund gegründet worden war, mit dem Ziel an die Deutsche Motelgesellschaft verkauft, hier einen autogerechten Beherbergungsbetrieb zu schaffen. Ein so genanntes Motel (Motor+Hotel) sollte entstehen, bei dem man mit dem Auto bis vor das Hotelzimmer fahren kann. Die unter Denkmalschutz stehende Straßenfront blieb erhalten. Im Innern entstanden Gasträume und Fremdenzimmer. Das ökonomiegebäude wurde abgerissen. In der Form eines Hofgutes wurde eine Anlage mit Parkplatz, Freischwimmbad, Autohalle und Tankstelle geschaffen.

1957 wurde der Betrieb eröffnet. Doch schon bald zeichnet sich ab, dass die B3, die entlang sehr alter, schon im Mittelalter bedeutsamer Handelswege verläuft und in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts im Breisgau zur Chaussee ausgebaut worden war, als Hauptverkehrsweg an Bedeutung verlieren würde: Im Juli 1962 wurde der letzte Autobahnabschnitt bis Basel freigegeben. Damit verlor auch das Motel zunehmend an Gäste.

1986 kaufter der Hotelier und Küchenchef Heiner Mack die "Alte Post" in jungen Jahren arbeitete er in renommierten Häusern Frankreichs und er Schweiz und sammelte in den hauseigenen Reben des vormaligen Freiburger Hotels " Zum Falken" auch weinbauliche Erfahrung. Schon sein Vater Heinrich Mack betrieb, in Todtmoos, ein Hotel-Restaurant. Schon mit zwei, drei Jahren schaute der kleine Heiner gerne in die Töpfe. Exotischen Schnickschnack gab`s da nicht, aber heimische Gerichte aus frischen Zutaten. Daran hält der Sohn auch heute noch fest.

Dass das auf eilig durchreisende Automobilisten ausgelegte "Euromotel Alte Post" Nach dem Autobahnhof wirtschaftlich nicht mehr bestehen konnte und immer mehr verkam, liegt für Heiner Mack auf der Hand: "Das Management kam aus Frankfurt. Es fehlte die Verbindung zu Land und Leute." Als das Anwesen zum Verkauf stand, sah er es sich an und verliebte sich sogleich in die Vorstellung, hier etwas zu verwirklichen, was früher Hospitalität genannt wurde: die Absicht, dem Gat Geborgenheit und ein Stück Heimat zu geben. "Das Haus lag im Dornröschenschlaf; es gab hier keine Gastfreundschaft", erinnert sich Mack.

Was vor ihm lag, war - auch finanziell - eine Riesenaufgabe. In mühevoller Kleinarbeit wurde seit 1991 in Zimmern und Gartenanlagen ein ökologisches Konzept umgesetz. Der Hotelier schaffte es, unter Einsatz historischen Baumaterialien bei mehreren Umbauten die Bewahrung des Althergebrachten mit den Erfordernissen eines modernen Hotelbetriebes in Einklang zu bringen. In dem abgewohnten Haus, das heute 50 Zimmer und 30 Beschäftigte zählt, kehrt nach und nach neues Leben ein. "Mein ganzes Herzblut steckt da drin", bekennt Heiner Mack.