Sonntag, 19. November 2017
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23.05.2014

In den Zimmern einer Zeitreise / Badische Zeitung vom 22. Mai 2014

Wuermeling stellt sein Buch "Bürgerlich!" in Müllheim vor, wozu es auch einige Verbindungen hat.


MÜLLHEIM (hrl). Zuallererst ist Henric L. Wuermeling ein Fernsehmensch. Als der ehemalige Redakteur des Bayerischen Rundfunks sein Buch "Bürgerlich! Ein Familienalbum" in der Müllheimer Buchhandlung Beidek vorstellt, zieht er gleich am Anfang zwei Requisiten aus der Tasche, die einst für Dreharbeiten in Müllheim entstanden sind: ein Antrag an den Reichsfürsten Thurn und Taxis über ein Patent zur Einrichtung einer neuen Posthalterei in Müllheim – geschrieben 1745 von seinem Urahn Georg Adolf Heidenreich – und ein Visitationsbericht von der Route Straßburg-Basel, in dem auch von jener Poststation berichtet wird. Beides täuschend echt kopiert. Das von Heidenreich errichtete Haus gibt es heute noch – das Müllheimer Landhotel "Alte Post".

Die Familiengeschichte der Heidenreichs führt noch über einige verschlungene Wege, bevor sie bei Wuermelings Mutter, einer geborenen Heidenreich – die übrigens in ihrer Jugend auch einige Jahre in der Müllheimer Frick-Mühle wohnte – endet. Henric L. Wuermeling, der nach eigener Aussage immer schon eine Schwäche hatte für Anschauungsmaterial aus früheren Zeiten, seien es Briefe, Dokumente oder sonstige Hinterlassenschaften, kam erst im Ruhestand dazu, sich mit seinen gesammelten Schätzen auseinanderzusetzen – dann tat er es aber fast schon exzessiv. Zusammen mit seiner Frau fuhr er all die erwähnten Orte ab, suchte mit Hilfe alter Aufnahmen Gebäude und andere Details im Stadtbild, die Zeugnis ablegen vom Leben seiner Vorfahren. Nach Lörrach, Müllheim, ins Elsass, ins Markgräflerland und ins Wiesental, nach Zürich, Manchester und sogar Valparaíso/Chile, wo sein Vater als junger Mann einige Jahre gelebt hatte, ging die Reise.

Für Wuermeling, den Fernsehmenschen, war dies die Möglichkeit, sich die Vergangenheit gewissermaßen "szenisch" anzueignen. Mehrmals betont er im Gespräch mit der Journalistin Laura Koensler, wie wichtig ihm Orte (und auch Dinge) sind, um sich in das Leben seiner Vorfahren hineinzufühlen: "… da komme ich in die Zimmer der Zeitreise hinein." Entstanden ist ein 448 Seiten dickes, edel editiertes Buch, in dem das Erfahrene in epischer Breite vor dem Leser ausgerollt wird, in Form gebracht mit "dramaturgischen Tricks": Zwiebelprinzip, Warteschleifen, falsche Fährten, nennt Wuermeling als Beispiele. Und nicht nur das, ganz gemäß seiner journalistischen Herangehensweise an historische Themen, ordnet Wuermeling alles in einen globalen Kontext ein. Ob Jacob Burckhardt und Friedrich Nietzsche in Basel, Marx und Engels in Manchester – Wuermelings Verwandte sind nie weit. Ganz plastisch steht einem die Badische Revolution vor Augen, bei der sie ebenfalls im Auge des Sturms standen. Ein Stammbaum oder zumindest eine Übersichtskarte hätten dieses Werk, das keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erhebt, ebenso sinnvoll ergänzen können wie bibliografische Hinweise. Doch darauf hat Wuermeling bewusst verzichtet. Er nennt seine Arbeit "Faction", eine Mischung aus Facts und Fiction. Die zahlreichen Müllheimer Zuhörer jedenfalls freuten sich über die anschaulichen Erinnerungen aus der Vergangenheit ihres Ortes.