Sonntag, 19. November 2017
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15.09.2016

Vom Etappenhotel zur Oase

Vergangenes bewahren, Zukunftsfähigkeit beweisen: Seit 30 Jahren ist die Alte Post die Lebensaufgabe von Heinrich Mack.


MÜLLHEIM. Das stolze Anwesen an dieser Kreuzung der B 3 in Müllheim – eine der verkehrsreichsten im Markgräflerland – wirkt auf den ersten Blick so, als hätte eine spezielle Zeitmaschine eine Glocke darüber gestülpt, um es vor Veränderungen zu bewahren. Drumherum die untrüglichen und nicht immer nur attraktiven Zeichen der Moderne: Tankstelle, Einkaufsmärkte, Industrieanlagen. Doch der Schein trügt und trügt auch wieder nicht: Auch die Alte Post hat sich verändert, und zwar nicht wenig – und doch hat sie ihr Gesicht bewahrt; ist mit der Zeit gegangen, ohne ihre Vergangenheit zu verleugnen. Dass dies möglich wurde, dafür hat in den vergangenen drei Jahrzehnten vor allem ein Mann, mit tatkräftiger Unterstützung seiner Familie und seiner Mitarbeiter, gesorgt: Heinrich Mack.

Der gelernte Koch – in der Schweiz mit Rüstzeug und reichlich Erfahrung im Hotelgewerbe ausgestattet – suchte die Selbständigkeit, möglichst in der badischen Heimat. Die Alte Post stand zum Verkauf, und es war Liebe auf den ersten Blick. Kleines Problem nur: Mack hatte kein Geld. Die ersten Banken winkten ab, schließlich fand sich eine, die sich auf das Abenteuer ohne Eigenkapital einließ, das 1986 begann. Und zwar mit einigen Mühen. Der damals 32-jährige Mack, der zuletzt in verantwortlicher Position in großen Schweizer Hotels gearbeitet hatte, streifte die Kochjacke wieder über und legte sich mit seiner kleinen Mannschaft ins Zeug. "Wir schielten dann von der Küche in den Gastraum und zählten die Gäste", erinnert sich Mack. Das Ergebnis war oft genug ernüchternd. Für Mack wurde bald klar: Ein neues Konzept muss her.

Denn das, was der Alten Post einst zu Wohlstand verholfen hatte, war nicht mehr wirklich relevant: die Lage. 1745 wurde das Anwesen als Posthalterstation an jener Straße erbaut, die schon zu Römerzeiten Menschen auf ihrem Weg entlang des Rhein benutzten. Goethe soll hier auf seiner zweiten Italienreise Station gemacht haben, und Johann Peter Hebel verewigte das Gasthaus in seinem berühmten Gedicht "Der Schwarzwälder im Breisgau" gleich in der ersten Zeile: "Z’Müllen an der Post / Tausigsappermost! / Trinkt me nit e guete Wi! /Goht er nit wie Baumöl i..."

Hinzu kam eine ausgedehnte Landwirtschaft – große Teile des heutigen Müllheimer Industriegebiets sind quasi auf dem ehemaligen Grund der Alten Post entstanden. Noch der Vorbesitzer vor Heinrich Mack, die Deutsche Schlafwagengesellschaft in Frankfurt, setzte auf die Alte Post als Etappenhotel. Doch 1961 wurde die Rheintalautobahn eröffnet, die Alte Post als Zwischenstation auf dem Weg in den Süden wurde uninteressant.

Neuanfang mit ökologischem Konzept

Andere Gäste mussten gefunden werden, und Heinrich Mack wagte mit Herzblut eine radikale Neuausrichtung. Die Alte Post wurde nach einem ökologischen Konzept umgestaltet: hochwertige Ausstattung der Zimmer mit umweltschonenden Materialien, Bio-Produkte in der Küche, enger Kontakt zu Lieferanten aus der Region. Das war Anfang der 1990er-Jahre noch nicht eben Mainstream, entsprechend skeptisch waren die Reaktionen in Macks Umfeld: "Viele haben gedacht: Jetzt beschleunigt er auch noch seinen Untergang", erinnert sich Mack heute mit einem Schmunzeln.

Doch dann kam die Wende: Eine renommierte Gastronomie-Fachzeitschrift kürte die Alte Post zum "Umwelthotel des Jahres", was wiederum andere Medien auf das Müllheimer Traditionshaus aufmerksam werden ließ. "Da hatten wir eine Zeit lang einen ganz schönen Presserummel", berichtet Mack. Und die Gästeschar wurde in der Folge immer größer. Heute sind es vor allem drei Kundengruppen, die die Alte Post anzieht: Tagungsgäste und Festgesellschaften, die neben Service und Küche die großzügigen Räume des Hauses zu schätzen wissen, sowie Kurzurlauber, die die Alte Post als feinen Ausgangspunkt für genussvolle Tage in der Region buchen.

Ihrer Philosophie ist die Familie Mack treu geblieben, auch wenn es auch privat schwierige Zeiten durchzustehen galt. Heute präsentiert sich die Alte Post als ein Musterbeispiel dafür, wie man ein traditionsreiches Haus geschmackvoll und wertig mit den Annehmlichkeiten moderner Hotel- und Gastronomieausstattung verbinden kann. Und mit der Gestaltung der Außenanlagen ist Mack auch gelungen, was er sich von Anfang an gewünscht hatte: Eine Oase inmitten einer turbulenten Umgebung zu schaffen. Wer im Hof der Alten Post seinen Kaffee trinkt, vergisst schnell, dass nur wenige Meter entfernt der Verkehr tost.

30 Jahre Lebenswerk sind aber auch ein Anlass, um nach vorne zu schauen. Wie jeder gute Gastronom weiß Heinrich Mack, dass Stillstand in diesem Gewerbe gefährlich werden kann. Auch im Jubiläumsjahr wird saniert und umgebaut, wird darüber nachgedacht, was den Gästen von morgen gefallen könnte. Inzwischen kann Mack auf die Unterstützung eines 40-köpfigen Teams zählen: "Eine tolle, junge Mannschaft", wie er gerne betont. Für ihn eine besondere Freude: Wenn ehemalige Azubis nach Zeiten an anderen Orten als Mitarbeiter wieder zurückkehren in dieses Haus mit seiner besonderen Geschichte. 

Badische Zeitung, 15.09.2016